Was tun? oder Die Last der Zivilisation

Was tun? oder Die Last der Zivilisation

Ohnmacht. Dieses Wort beschreibt am besten ein Gefühl welches ich in Anbetracht der aktuellen politischen Lage in diesem Land empfinde. Seit 3 Jahren reden wir ununterbrochen über Geflüchtete und drehen uns dabei im Kreis, wie ein Hund der versucht seinen eigenen Schwanz zu erwischen. Obwohl weniger flüchtende Menschen zu uns kommen wird die Rhetorik immer herzloser und unmenschlicher werden. Unser Innenminister will verhindern das Menschen aus Seenot gerettet werden und verbietet einzelnen Bundesländern zu helfen. Ankerzentren werden eingeführt und Abschiebungen durchgeführt bevor die Person ein gerechtes Verfahren bekommen konnte. Anschließend lässt NRW’s Innenminister verlauten, dass Gerichte dem Volk ja wohl mal mehr nach dem Mund reden sollten.   In Bayern und NRW werden Polizeigesetze erlassen, die bürgerliche Freiheiten einschränken, mehr Macht dem Staat zuschustern und nach den Ausschreitungen beim G20 Gipfel letztes Jahr bekam man Hass und Unverständnis ab, stellte man auch nur kurz die Handlungen der Polizei in Frage. Dazwischen sitze ich in meinem kleinen WG Zimmer und verstehe die Welt nicht mehr. Mit der Politik verhält es sich irgendwie wie mit einem Fußballspiel, und ich sitze am Rand und schaue schweigend zu. Bis vor einem Jahr dachte ich ich währe ein Teilnehmer dieses Spektakels und würde auf dem Platz für die gute Sache kämpfen. Seite an Seite mit Menschen die meine Überzeugungen teilen. Nach meiner Abstinenz von der Politik merke ich, dass ich ein Zuschauer war der von der Seitenlinie penetrant die Spieler anbrüllte ohne gehört zu werden.   Trotz meiner Aufopferung für eine Sache von der ich aus tiefstem Herzen überzeugt war und unter Einsatz größter Teile meiner Energie und Freizeit konnte ich nichts bewegen. Rein gar nichts.

Ich bin ein durch und durch politischer Mensch.  Aber was soll ich tun, wenn die Partei die meinen Ansichten am ehesten nahe kommt nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Wenn alle guten Leute fort sind und die programmatische Entwicklung komplett zum erliegen gekommen ist. Wenn die Parteiarbeit nur noch ein Hobby für jene ist, die auf den lokalen Schützenverein keinen Bock haben. Also ist die Frage “was tun?”. Ich bin fest davon überzeugt, dass der parlamentarische Weg der effektivste ist. NGO’s hin oder her leben wir in einer Demokratie, welche durch die Konkurrenz von Parteien lebt. Diese sollten im Normalfall konkurrierende Utopien vorstellen und im fairen Kampf die Bürger entscheiden lassen, welche davon sie am liebsten wünschen. Diese Qualität ist nur leider gänzlich abhanden gekommen. Die großen Parteien übertreffen sich gegenseitig durch Fatalismus und reagieren statt zu agieren. Niemand will nach vorne schauen und gestalten. Dank Helmut Schmidt ist das Wort “Vision” verbrannt und alle gehen auf Nummer sicher anstatt etwas zu wagen. Die freiheitliche FDP hat vergessen, dass Freiheit nicht nur bedeutet Möglichkeiten zu haben, sondern auch die materielle Grundlage von diesen Freiheiten zu profitieren. Die Linken sind auf einem nationalistischen Kurs und den Grünen ist die Koalition im Zweifel wichtiger als Werte. Die großen “Volksparteien” übertreffen sich vor allem in Ideenlosigkeit, auch wenn die SPD sich langsam zu ändern scheint. Von der AfD brauch ich ja wohl gar nicht anzufangen. Mich erschreckt nur, wie sie es in den letzten Jahren geschafft haben alle anderen Parteien vor sich herzutreiben.  

Also ist die Frage “was tun?”. Ich glaube es gibt 5 Optionen:

  • In eine Partei eintreten die meinen Vorstellungen entspricht
    • Kommt nicht über 5%; Bemühungen verlaufen im Sand
  • Parteilos seien aber wählen gehen
    • Leider keine Option für mich, obwohl gut für den Seelenfrieden
  • In eine große Partei eintreten
    • Chance auf Mitbestimmung steigt, aber die Illusion bspw. die SPD von innen zu verändern habe ich nicht. Kompromisse wären mir zu groß
  • In eine NGO eintreten
    • Placebo Politik. Ohne großartige Möglichkeiten auf Mitbestimmung; viel Zeit investieren
  • Sich ein Beispiel an der USPD nehmen und eine eigene Partei gründen mit den verzweifelten Jung-SPDlern, die in den höheren Rängen kein Gehör finden?

Richtig überzeugen kann mich keine der Optionen.  Zu Anfang dieses Textes sprach ich von Ohnmacht. Ein Gefühl, welches ich nach einer grausam verlorenen Landtagswahl 2017 und meiner Abstinenz von der Politik zu spüren begonnen habe. Aber ab und zu passiert es, dass man über etwas nachdenkt und plötzlich realisiert, dass man nicht die einzige Person ist der es so geht. Oder dass Andere schon vor einem über diese Dinge nachgedacht haben. Vor einigen Wochen las ich “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde” von Karl Popper. Gegen Ende des ersten Bandes beschreibe der Autor etwas das meinem Gefühl von Ohnmacht sehr, sehr nahe kommt. Er nennt es die “Last der Zivilisation” und ich möchte nun kurz die Passage zitieren.

Es gehört zu dieser Last, diesem Unbehagen, daß wir uns der Unvollkommenheiten unseres Lebens, der persönlichen wie auch der institutionellen Unvollkommenheiten, immer mehr und immer schmerzlicher bewußt werden; daß wir vermeidbares Leiden, Verschwendung und unnötige Hässlichkeit in immer größerem Ausmaß bemerken; und daß wir zur gleichen Zeit erkennen, daß es uns nicht unmöglich ist, etwas zur Verbesserung beizutragen; daß aber solche Verbesserungen ebenso schwer erreicht werden können, wie sie wichtig sind. Dieses Bewusstsein vergrößert die Last der persönlichen Verantwortung: Wir tragen das Kreuz dafür dass wir Menschen sind”

Wissen das etwas getan werden muss und gleichzeitig zu realisieren wie schwer Veränderungen herbeizuführen sind, vor allem als Einzelner. Das lässt mich ohnmächtig zurück. Aber Popper spricht auch von persönlicher Verantwortung. Es ist ein Aufruf gegen Faschisten und Illiberale aufzustehen und unsere offene Gesellschaft zu verteidigen.

Vielen Dank an meinen Bruder David, der immer wieder meine Texte Korrektur liest und mit Worten so viel geschickter jongliert als ich.

4 Replies to “Was tun? oder Die Last der Zivilisation”

    1. Wir sind mindestens zu zweit, wie geil ist das denn, noch 3 und wir können ne Partei aufmachen – oh, warte, das könnten andere auch – wie geil heilsam wäre das denn?

      @lostincoding Dankeschön.

  1. Danke dir. Diese gefühlte Hilflosigkeit, die leider in weiten Teilen der Realität entspricht, weil wir sie so hinnehmen, kenne ich. Ich strenge mich immer noch an, ohne kann ich nicht wirklich ich sein. Und es gibt ja noch ein paar mehr von diesen komischen Menschen, die nicht aufhören, zu hoffen.

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